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Menschlichkeit statt Moria

In seinem zweiten Aufruf zur Corona-Krise schrieb Bürgermeister Arnim Ross: „Deshalb freue ich mich besonders darüber, dass in unserer Gemeinde viele kleine und große Zeichen von Solidarität entstanden sind. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger haben Ideen entwickelt, um ihren Mitmenschen zu helfen: es gibt Einkaufsangebote, spontane Musikdarbietungen, Hol- und Bringdienste, aufmunternde Briefe an ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger und vieles mehr. Auch die Kirchengemeinden schaffen ganz neue Angebote, die Zuspruch und Impulse vermitteln. Dies alles trägt dazu bei, die Ausnahmesituation gemeinsam zu bewältigen.“

Die, die solidarisches Verhalten erfahren, merken, wie gut ihnen das tut. Und zugleich ist es so, dass diejenigen, die sich solidarisch verhalten selbst merken, dass das eine ganz wundervolle Eigenschaft ist. Solidarität ist eine Haltung der Verbundenheit mit und die Unterstützung von Ideen, Aktivitäten und Zielen anderer.

„Nur eine solidarische Welt kann eine gerechte und friedvolle Welt sein.“ meinte Richard von Weizäcker und weist damit auch darauf hin, dass Solidarität an Grenzen keinen Halt machen kann. Sonst geht sie verloren.

Vor wenigen Jahren haben wir alle eine andere große Solidaritätswelle erlebt. So sammelten Jugendliche in Kaufungen Kleidung für Flüchtlinge, in den Räumen der Begegnungsstätte wurden Sprachkurse angeboten und oft waren ehrenamtliche Kräfte die wesentlichen Stützen. Die Nachbarschaftshilfe und der Verein „Flüchtlinge. Willkommen in Kaufungen“ waren sehr aktiv. Und alle trafen sich im Café International: Ausschnitte aus einer unglaublichen Welle an solidarischem Verhalten.

Unsere Solidarität heute richtet sich auch auf die systemrelevanten Berufe. Jetzt zeigt sich auch, was wirklich wichtig ist. Doch allen ist – so hoffen wir von der GLLK – klar, dass es bei einem Applaus vom Balkon aus nicht bleiben kann. Wir müssen uns Fragen stellen wie: Sollte das Gesundheitssystem wirklich privatisiert sein und danach funktionieren, ob es Gewinne abwirft? Der Kern auch dieser Frage ist die Systemfrage! Wollen wir an einem System festhalten, dessen Zweck und dessen Inhalt der Profit ist und die Umverteilung dieses Profits von den Armen zu den Reichen? Und reicht es aus, wenn wir klatschen und gleichzeitig den Millionencheck für die Lufthanse unterzeichnen?

Solidarität hat auch was damit zu tun, ob wir uns auf irgendeine Art und Weise mit verantwortlich fühlen. Wenn wir uns unserer Verantwortung bewusst sind, dann fällt sie sogar leichter. Und da der Applaus im griechischen Flüchtlingslager Moria und an den von dicken Zäunen geschützten Außengrenzen nicht zu hören ist, ist es sehr wichtig, dass wir nicht vergessen, dass wir mitverantwortlich dafür sind, dass Menschen ihre Heimat verlieren und fliehen müssen. Mitverantwortlich sind wir auch durch die scheinbar systemrelevante Rüstungsindustrie, durch Handelsbeziehungen und Ausbeutungsstrukturen, durch eine Klimapolitik, die Kriege entfacht. Und so ist es zentral für die Solidarität in unserem Kaufungen, dass wir Solidarität grenzenlos verstehen.

Wir freuen uns, dass es unser Antrag war, der die Gemeinde dazu veranlasste, sich zum sicheren Hafen zu erklären.

Doch dieser Erklärung müssen nun auch Taten folgen. Daher schlagen wir vor, dass die ehemalige Flüchtlingsunterkunft nicht umgebaut wird, sondern dafür freigehalten wird, erneut Flüchtlinge in Kaufungen unterzubringen.