Artikel

A49 und A44

Folgt man den Kommentaren, die auf Artikel zur A44 in der HNA folgen, so hat man den Eindruck, als wären ganz viele Menschen unbedingt für die Autobahn. Aber es sind die immer gleichen Kommentarschreibenden, die nicht mal ausreichend Mut haben, um ihre Meinung auch mit ihrem Namen zu versehen. Dabei ist diese Debatte natürlich wichtig, aber da sich die Kommentatoren über die Besetzungen der Wälder und die Waldbesetzer über die Plattheit der Kommentare ärgern, scheint es noch ein weiter Weg bis zur Einigung zu sein.

Immer mal wieder gibt es sehr gute Artikel zum Thema, so jüngst im Spiegel (alle Zitate im folgenden aus diesem Artikel). Wobei Lusia Neubauer und Carola Rackete von den einen gebraucht, von den anderen verabscheut, von den einen ob ihrer klaren Botschaften geachtet und von den anderen ob ihrer klaren Botschaften verachtet werden. Wir meinen, dass sie Recht haben, mit folgender Aussage:

Die eigentliche Geschichte, die hier an die Oberfläche bricht, ist allerdings eine andere, eine viel größere, und viel beunruhigendere. Es ist die Geschichte von einer Gesellschaft, die sich verrannt hat, die sich mit viel Aufwand hineinmanövriert hat in eine Reihe von Systemen – ökonomisch, juristisch, politisch, die sich selbst gerade infrage stellen.

Manche meinen nun, dass es aber doch in einem Rechtsstaat notwenig sei, die Regeln einzuhalten und demokratisch getroffene Absprachen (vor wievielen Jahren nochmal) sind halt demokratisch und damit schon an sich heilig. Gleiches soll aber – und hier wird deutlich, dass dieser Argumentationsstrang so nicht funktioniert – nur für manche Absprachen und Einigungen gelten. Also z.B. nicht für das Pariser Klimaschutzabkommen.

Die entscheidende Feststellung vom Dannenröder Wald [und auch beim Weiterbau der A44] ist die: Wir werden in den nächsten Jahren immer weiter, immer mehr Verträge brechen müssen. Die Frage ist nur, welche das sein werden – und wer die Macht hat zu entscheiden welche. Systemfragen halt.

Was es jetzt aber braucht, ist ein Innehalten. Ein sich Besinnen darauf, was wir uns angesichts unseres Lebenswandels einerseits moralisch noch erlauben dürfen und andererseits was wir uns noch erlauben können, wenn wir nicht wissend und sehenden Auges in eine Katastrophe rennen werden, die wir nicht dadurch überwinden können, dass wir Autobahnen bauen, um schneller vor dieser Katastrophe wegzufahren.

Wir stehen vor einem Komplex an Krisen, nicht zuletzt auch an Krisen von Gerechtigkeit und Mitspracherecht. Und wer aus dieser Krise rauskommen will, muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass das mit dem Standardrepertoire deutscher Krisenbewältigung (Investitionen und wirtschaftliche Aufträge) geht. Auch der Markt kann das Problem nicht lösen, sonst hätte er es längst getan.

Wir brauchen Systeme, die für uns und nicht gegen uns arbeiten. Menschen haben ein juristisches System geschaffen, das uns geradewegs in eine Heißzeit hinein legalisiert. Nicht zu vergessen, dass diese Gesetze auf einem Planeten geschrieben wurden, der ökologisch schon nicht mehr vergleichbar ist mit dem, auf dem wir heute leben. 

Berechtigt machen die beiden Autor*innen darauf aufmerksam, dass das Wort “Systemwandel” zum einen eine reale Notwendigkeit aufzeigt, jedoch mehr Ängste als positive Gedanken auslöst. Doch es geht um nichts weniger: Es geht um große Schritte, es geht um Umkehr, um radikale Korrektur. Und Kaufungen hat viel Potential, um hier die richtigen Schritte gehen zu können.

Während das Irrationale regiert, werden … diejenigen, die heute im Wald sind und das Ende der ökologischen Zerstörung einfordern, zu den Vernünftigsten von allen. Sie haben nicht nur begriffen, dass es so nicht weitergehen kann, sie haben auch begriffen, dass es so lange so weitergeht, solange sie keinen Widerstand leisten. Solange niemand interveniert und die Systeme zum Anhalten bringt, so lange wird die Zerstörung weitergehen. Und wir werden uns eines Tages fragen, ob wir interveniert haben – als es noch nicht ganz und gar zu spät war.